Dresdner Predigten
Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2010, Pfarrer Christfried Weirauch, Matthäuskirche Dresden
Predigttext: 1. Johannes 4, 7-12
Liebe Gemeinde,
in diesen Tagen besuchte mich ein alter Freund. Wir hatten uns lange nicht gesehen, und die wenigen Telefonate trugen eher zu weiterer Entfremdung bei, als dass sie uns wieder näher gebracht hätten. Er war eine halbe Stunde zu spät gekommen, was meinen knapp bemessenen Zeitplan entgegen gelaufen war und mich verstimmt hatte. Er meinte, ich sähe abgespannt aus. Er auch. Er beklagte, sein berufliches wie privates Gefordertsein sei an der Grenze zur Überforderung. Er sagte, das Leben liefe an ihm vorbei. Jedes Aufstehen am Morgen sei eine Last. Zu so etwas wie Entspannung fände er bestenfalls nur unter großer Mühe. Er zähle die Jahre bis zum Ruhestand, sehr viele sind es nicht mehr, aber immerhin. Dann erhofft er sich noch etwas Zeit zu Hobby, Kultur, Kreativität. Ich hatte wenig Lust, von persönlichen Glücksmomenten zu sprechen, wusste schon, was da gekommen wäre: „Ja, bei EUCH, da sieht alles besser aus…“. So beklagten wir ein wenig gemeinsam die schwierigen Zeitläufe, und als er gegangen war, überfiel mich unvermittelt eine tiefe, dunkle Traurigkeit. War es das fortschreitende Lebensalter? Die schmerzliche Erkenntnis, dass alte Ideale und tägliche Wirklichkeit immer weiter auseinander klaffen? Oder, dass wir uns beide so fremd geworden waren? Dass ich es nicht vermocht hatte, ihn aufzumuntern und er mich statt dessen runter gezogen hat? Dass ich nur noch Mitleid für ihn empfand? „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben, denn die Liebe ist von Gott, und Gott ist die Liebe“, schreibt Johannes. Fünfzehn mal steht das Wort „Liebe“ in vielen Abwandlungen in diesen sechs Versen, ein hochprozentiger Liebe–Cocktail. Die Worte sind leicht verständlich; „Gott ist die Liebe, er liebt auch dich“, sangen wir einst in der Kinderstunde der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Johannes geht klüger vor als ich beim Besuch meines Freundes. Er meint nicht: „Lasst uns klagen“, sondern: „Lasst uns lieb haben“. „Lasst uns“ ist eine Aufforderung, die eine Selbstermunterung mit einschließt. Das meint nicht: „Du sollst, ihr sollt“, sondern: „WIR wollen“. Und Johannes nennt dazu noch einen Grund außerhalb von uns selbst, einen Grund, der es leichter macht, zu tun, was dran ist, denn niemand muss den Anfang machen, der ist schon gemacht, Gott hat ihn gemacht, Gott hat uns zu erst geliebt. „Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat“. Und dann nennt Johannes das zentrale Ereignis: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Zur Versöhnung für unsere Sünden.“ Es ist Großes geschehen, viel, viel Liebe. Hätte ich meinem Freund sagen können. Er hätte wohl gesagt: Ja, ich weiß. Warum? Weil mir die freudige, mitreißende Begeisterung gefehlt hätte? Weil wir diese Jesusbotschaft schon zu oft wie eine Phrase gehört haben oder sie, wie die gute Saat im Gleichnis, schon unter den Disteln und Dornen der Alltagssorgen zu ersticken droht? „Ihr Lieben, lasst uns untereinander lieb haben“, schreibt mit einem gütigen Lächeln im Gesicht der Evangelist Johannes, „wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ Das Einfache, was – offenbar doch – schwer zu machen ist? Wenn das alles damals eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, hätte Johannes diese Worte wohl kaum schreiben müssen. Was ist es? Wir sollen durch Jesus leben. Nicht durch uns selbst, durch unsere Leistungen und die Ansprüche, die wir an uns selber stellen oder die andere an uns stellen. Die Wünsche und Sehnsüchte, die wir haben, die Ansprüche, die wir an das Leben stellen; und es sind immer die Anderen, die es uns vermasseln, die Wirtschaft, die Politik, die Partnerin, der Partner, der Chef, usw. Jesus ist „gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden“. Das meint: Jesus will dort vermitteln, wo mein Egoismus Gräben gezogen hat zwischen mir und den Mitmenschen, zwischen mir und Gott. Liebe blickt auf den Anderen. Jesus hat es vor gemacht. Mit seinem Leben, seinem Vergeben. Mit seiner kompromisslosen Liebe, die sogar Gegner und Feinde einschließt. In extremen Situationen haben Menschen Jesus sogar darin nachfolgen können, sind stellvertretend für Andere aus Liebe in den Tod gegangen. Aber so viel verlangt Johannes gar nicht. Es genügt die einfache Regel: „Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ Starke Worte! Und wenn er vorher schreibt: „Niemand hat Gott jemals gesehen“, dann meint der Zusammenhang doch nichts anderes als: Im Liebenden dürfen wir Gott sehen, und als Liebende sind wir Gott unvergleichlich nahe, denn er ist „in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen“. Als Liebende haben wir Anteil an Gottes Vollkommenheit. Drum: „Lasst uns einander lieb haben“. Lassen wir uns von Johannes ermuntern. Ermutigen. Weg schauen von den eigenen Unzulänglichkeiten und denen dieser Welt. Gott liebt uns. Darum – lasst uns untereinander lieben!
Amen.
Predigt von Pfarrer Christried Weirauch, Annen-Matthäuskirchgemeinde Dresden
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